Nicht Herkunft zählt – sondern Hingabe
«Wir kamen mit zwei Koffern – sonst hatten wir nichts»
1986 geboren, flüchtete Emir Prijic 1992 mit seiner Familie aus einer ländlichen Gemeinde im damaligen Jugoslawien in die siebtgrösste Stadt Deutschlands. Der Balkankrieg veränderte sein Leben von einem Moment auf den anderen: «Ich hätte an dem Tag in die erste Klasse kommen sollen», erinnert er sich. «Dann hörten wir plötzlich Helikopter, und auf einmal stand mein Vater vor der Tür.»
Eigentlich hätte Emirs Vater zu diesem Zeitpunkt in der Schweiz sein sollen – wo er seit Jahren regelmässig als Saisonarbeiter beschäftigt war. Doch entgegen allen Erwartungen war er zurückgekehrt. «Er kam mit dem Auto und sagte nur: ‹Alle einsteigen!› Wir wussten nicht, was los war.» Emir verstand erst später, dass der Vater gekommen war, um die Familie in Sicherheit zu bringen. Der Tag markierte den Beginn einer Odyssee durch Europa, geprägt von der Hoffnung auf ein neues Leben.
«Kaum hatte ich halbwegs Hochdeutsch gelernt, sprachen plötzlich alle Schweizerdeutsch.»
Die erste neue Heimat Emirs war Deutschland – nicht aus freiem Entschluss, sondern aus Notwendigkeit: Die Schweiz nahm zu diesem Zeitpunkt keine Flüchtlinge auf. Und so übernahm ein Onkel von Emir, der in Stuttgart lebte, die Rolle des Vaters in seinem Leben. Erst 1995, nach Jahren des Wartens und dank der Unterstützung des Arbeitgebers seines Vaters, erhielt die Familie ein Aufenthaltsvisum – und konnte zum Vater in die Schweiz nachziehen.
Im Winter 1995 kam Emir mit neun Jahren nach Landquart in Graubünden. Es war ein Neuanfang – wieder einmal. Doch auch in der Schweiz warteten Herausforderungen. «Ich habe nie den Kindergarten besucht, kein Wort Schweizerdeutsch gesprochen, nie Deutsch lesen gelernt – und sass plötzlich in der ersten Klasse.» Matheaufgaben konnte Emir zum Glück auch ohne Sprachkenntnisse lösen. Unterstützung gab es dabei aber keine. Emirs Eltern hatten andere Sorgen: «Unsere Fragen waren nicht: Was gibt zwei mal drei? Sondern: Lebt unser Cousin noch?»
«In der Schweiz wurde mir zum ersten Mal bewusst, was es heisst, einen Vater zu haben.»
Bis zu seiner Ankunft in der Schweiz hatte Emir männliche Bezugspersonen nur in Form von Onkeln gekannt – sein Vater war immer nur zeitweise anwesend, als Saisonarbeiter, oder eben ganz fern. Und auch wenn die Familie nun endlich vereint war, blieb das Leben in der Schweiz zunächst hart. «Wir wussten ja nicht, ob wir bleiben dürfen. Meine Mutter dachte in Deutschland noch, wir gehen nach zwei, drei Monaten wieder zurück.»
Integration war deshalb auch die ersten Jahre in der Schweiz kein ernsthaftes Ziel. «Wir waren ja nicht gekommen, weil wir wollten.» Und das Dableiben wurde den Geflüchteten nicht leicht gemacht. Ohne B-Bewilligung blieb wenig Handlungsspielraum: Ein Bankkredit, eine Auslandreise, sogar ein Schulausflug nach Österreich – all das war unmöglich.
«Wenn ich hier bestehen will, muss ich doppelt so viel leisten wie andere.»
Eine neue Perspektive eröffnete sich, als Emirs Vater 1997 endlich das B-Visum erhielt. Plötzlich war das Leben nicht mehr nur ein Provisorium. Auch Emir begann, an eine Zukunft in der Schweiz zu glauben. Sein älterer Bruder machte eine Lehre als Heizungsmonteur – und Emir hörte zuhause immer öfter von technischen Zeichnungen, Rohren und Installationen.
Gleichzeitig wuchs in ihm der Wunsch, Konstrukteur zu werden. «Ich wollte zeichnen, entwickeln, Neues schaffen: Das war mein Traum.» Doch beim Vorstellungsgespräch spürte er schnell, dass nicht seine Fähigkeiten zählten, sondern seine Herkunft. «Es ging nicht darum, was ich konnte – sondern wie integriert ich war.» Eine Erkenntnis, die ihn nicht entmutigte, sondern anspornte. «Ich wusste: Ich muss mehr leisten als andere.»
«Den Beruf Lüftungstechniker kannte keiner. Heute kennen ihn ein paar wenige mehr.»
Ein nächster Versuch führte ihn nach Chur, zur Tochtergesellschaft eines grossen Gebäudetechnikunternehmens. Dort absolvierte Emir eine zweiwöchige Schnupperlehre – wie sein Bruder im Fachbereich Heizung. Dem damaligen Niederlassungsleiter fielen die handgezeichneten Skizzen Emirs auf. «Er lobte mein dreidimensionales Vorstellungsvermögen und machte mir ein Angebot – aber nicht als Heizungszeichner, sondern als Lüftungszeichner.»
Emirs Vater reagierte zuerst skeptisch («Was soll das sein, Lüftung? Das brauchts doch nur auf dem WC!»), Bis heute ist der Beruf nicht übermässig bekannt– in der Ostschweiz wird die Ausbildung jährlich gerade mal einmal abgeschlossen. Doch Emir merkte schnell, dass er auf dem richtigen Weg war. «Ich musste für die Berufsschule regelmässig nach St. Gallen fahren, aber das war es mir wert.» Im dritten Lehrjahr machte Emir die Autoprüfung – was unerwartet zu mehr Verantwortung führte: «Mein Lehrmeister verlor seinen Fahrausweis und sagte: ‹Du kannst ja jetzt fahren – übernimm du die Baustellen.›» Emir fuhr, plante, montierte – und übernahm kleinere Baustellen ganz allein. Was als Ausnahme begann, wurde zur Regel. Verantwortung zu übernehmen, wurde für Emir selbstverständlich.
«Mit 20 war ich plötzlich für die unterschiedlichsten Bereiche verantwortlich – und keiner hat es gemerkt.»
Bei seiner damaligen Firma übernahm Emir nicht nur fachlich, sondern auch organisatorisch viel Verantwortung – oft still, nebenbei und ohne grosses Aufheben. «Ich habe bei Rechnungen im Archiv ausgeholfen, Projekte betreut, Baustellen organisiert – irgendwann war ich der Einzige, der noch wusste, wo was läuft.»
Dann kam der Moment, der vieles verändern sollte: Sein damaliger Ausbilder wurde entlassen – Emir blieb als einziger Lüftungstechniker zurück. «Eines Morgens kam der neue Niederlassungsleiter in die Firma. Er sah sich um und fragte: ‹Wer arbeitet hier?› – ‹Ich.› ‹Und wer arbeitet an den anderen beiden Arbeitsplätzen?› – ‹Auch ich.› ‹Wie bitte? Arbeitest du an drei Arbeitsplätzen gleichzeitig?› – ‹Ja, ich bin schliesslich der einzige Lüftiger hier.› Der Abteilungsleiter schüttelte mir die Hand und sagte nur: ‹Dann muss ich dir nichts mehr erklären.›» Von da an kam der Chef regelmässig vorbei, fragte nach Projekten, hörte zu – und beobachtete. Nach einem Jahr bot er Emir die Stelle als Abteilungsleiter an. «Ich sagte: ‹Bin ich doch schon längst, ich bin ja der Einzige. Kurz darauf wurde Emir auch zum stellvertretenden Niederlassungsleiter. Anerkennung, die gut tat – aber auch Fragen aufwarf: Was ist mein eigener Weg?
«Ich wollte wissen: Bin ich gut – oder bin ich nur gut bei meiner Firma?»
Die Antwort auf diese Frage liess nicht lange auf sich warten. «Eine Firma bot mir 700 Franken mehr Lohn. Ich ging zu meinem Chef, der mir daraufhin 500 mehr geben wollte. Da habe ich gemerkt, wie viel ich wert bin. Und dass es mir nicht ums Geld ging.» Die Idee, sich selbstständig zu machen, war geboren. Emir sprach mit seinem Vorgesetzten und legte ihm seine Überlegungen offen dar. Kurze Zeit später kündigte Emir – und gründete mit nur 25 Jahren seine eigene Firma: die LKE Haustechnik AG.
«Ich habe die Firma gegründet und ein Eigenheim gekauft – mit meinem Jugendsparkonto.»
Mit dem gemeinsamen Ersparten kauften Emir und seine Frau ein Wohnhaus mit Gewerberäumen im Erdgeschoss. Die Bedingungen waren ideal. «Der Vorbesitzer war aus der Branche, und nach zwei Stunden Verhandlung machte er mir ein Top-Angebot. Ich musste nur 15 Prozent Eigenmittel aufbringen.» Ein Monat später war Emir selbstständig.
«Entweder ihr gebt mir eine Chance – oder ihr zieht mir 10 Prozent ab.»
Anfangs bekam Emir kaum Aufträge. Viele, die ihm zu Beginn Unterstützung zugesagt hatten, hielten ihr Versprechen nicht. «Ich war allein, suchte Arbeit, und musste gleichzeitig das Unternehmen am Leben halten.» Auch Löhne mussten bezahlt werden, denn Emir hatte schon früh Mitarbeiter – alles ehemalige Kollegen, die ihm gefolgt waren. Dann kam der Wendepunkt.
Emir erhielt einen Anruf von einem führenden Schweizer Bau- und Immobiliendienstleister. «Ich war 28 Jahre alt, als sie mir ein Projekt anboten – mit einem Auftragsvolumen von rund zwei Millionen Franken. Im Sitzungszimmer sassen 6 Vertreter des Auftraggebers. Ihnen gegenüber ich. Die Verhandlungen kamen nicht voran. Ich spürte kein Vertrauen und fühlte mich an meine Anfänge erinnert. Ich wurde wütend und sagte: ‹Lasst es uns doch einfach so machen: Wenn ihr am Ende mit der Arbeit nicht zufrieden seid, dann zieht mir zehn Prozent vom Gesamtbetrag ab.›» Der Geschäftsleiter des Unternehmens lachte und meinte: ‹Sie sind sehr überzeugt von sich.›» Emir antwortete nur: «Ich glaube an meine Arbeit. Entweder ihr gebt mir eine Chance – oder eben nicht.»
Es gab einen Handschlag. Die vereinbarten zehn Prozent Abzug bei Nichtzufriedenheit tauchten nie im Vertrag auf. Emir hielt Wort – und lieferte. Das Projekt wurde ein Erfolg, und mit dem guten Ruf kamen auch neue Kunden. «Plötzlich riefen mich grosse Firmen an. Ich sagte nur: Ich konnte das schon immer – ihr habt mir einfach nicht zugetraut, dass ich es kann.»
«Drei Jahre lang habe ich durchgearbeitet. Ohne meine Frau Sadela hätte ich das nicht geschafft.»
Was als Ein-Mann-Betrieb begann, wuchs zu einem etablierten Unternehmen mit rund 30 Mitarbeitenden. Drei Kinder kamen in der Zeit zur Welt. Und auch heute noch kümmert sich Emir ein bisschen um alles. Dazu gehört auch, das Magazin oder die Firmenautos zu putzen – weil er daran glaubt, dass Führung durch Vorbild entsteht. «Bei uns gibt es kein Sekretariat. Jeder nimmt das Telefon ab. Jeder hilft dem anderen. Jeder ist wichtig. Deshalb bekommt bei uns auch jeder einen Bonus – nicht nur der Chef.» Die Werte, die Emir prägen, werden auch in seiner Firma gelebt. Integration, Chancengleichheit und Menschlichkeit sind Emir ein Herzensanliegen: «Jeder Mensch hat das Recht auf Freiheit – unabhängig von Herkunft oder Religion.»
Seit 2023 gehört die LKE Lüftungstechnik AG zur Burkhalter Gruppe. Ein Schritt, den Emir bewusst gegangen ist – aus Verantwortung. «Was, wenn mir etwas passiert? Dann hängen 30 Existenzen an mir.» Die Partnerschaft ermöglicht ihm heute, sich stärker auf das operative Geschäft und die Weiterentwicklung der Firma zu konzentrieren. Ausserdem kann er seinen Kunden gewerkübergreifende Dienstleistungen und ein landesweites Netzwerk anbieten.
«Erfolg ist Verantwortung»
«Die Zahlen lügen nicht – egal, wie sehr jemand seine Firma schönredet.» Emir mag es direkt. Aber wenn man ihn fragt, was Erfolg für ihn bedeutet, treten die Zahlen in den Hintergrund. «Erfolg ist, meine Kinder zu guten Menschen zu erziehen.» Für Emir machen Werte den Erfolg aus: Er glaubt an Leistung, nicht an Herkunft. An Zuverlässigkeit, nicht an Geltung. «Mich kannst du nicht mit Geld locken. Und ich will mit Leistung überzeugen können – nicht mit Beziehungen.»
Aktuell verfolgt Emir schon das nächste grosses Ziel: Lüftungstechnik aus einer Hand. «Planung, Steuerung, Ausführung, Service – das alles will ich den Kunden bieten. Ich möchte nicht nur Lüftungssysteme verbauen. Ich will das Gesamtpaket und die Systeme entwickeln, pflegen und langfristig betreuen. Dazu gehört beispielsweise auch die Entwicklung von Software. Aus dem Grund bauen wir aktuell auch unsere Büros aus und ergänzen sie um die Abteilungen Planung und Steuerung.»
Ideen hat Emir Prijic noch viele. Doch bei allem Wachstum und allen Erfolgen bleibt eines für ihn zentral: Haltung zeigen. Und das ist vielleicht das grösste Erfolgsrezept von Emir Prijic: Nicht vergessen, woher man kommt. Wissen, wohin man will. Und immer mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben. Vielen Dank für das Gespräch, Emir.

