Mitarbeitende erzählen

Ich heisse Stefanie und bin gelernte Automatikerin EFZ

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Bis heute machen in der Schweiz nur wenige Frauen eine technische Berufslehre. Stefanie Keller ist eine davon. Die Einstellung ihrer Familie und eine spannende Schnupperlehre bei der Elektro Arber AG in Kreuzlingen spielten bei ihrer Berufswahl eine entscheidende Rolle.

Stefanie, letzten Sommer hast du deine Lehre zur Automatikerin EFZ abgeschlossen. Es gibt ein Foto, das dich inmitten deiner männlichen Arbeitskollegen zeigt. Das Klischee, dass Frauen in Männerberufen selten anzutreffen sind, stimmt also?

Ja, das ist so. Auch in meiner Klasse in der Berufsschule war ich die einzige Frau. Trotzdem würde ich den Beruf Automatiker/in EFZ nicht als Männerberuf bezeichnen. Als Frau habe ich mit der Note 5.4 den zweitbesten Abschluss im Kanton erzielt. Ich finde, das spricht klar dagegen, oder?

Wie bist du auf den Lehrberuf Automatiker/in EFZ gekommen?

Ich bin durch die Swiss Skills auf diesen Beruf aufmerksam geworden. Zusätzlich haben mich die Berufe Fachfrau/-mann Gesundheit, Fachfrau/-mann Betreuung und Schreiner/in interessiert. Ich war lange unsicher, ob ich mich für eine technische Lehre entscheiden soll oder ob ich doch lieber im Gesundheitsbereich arbeiten möchte. Dank der spannenden Schnupperlehre bei Elektro Arber wusste ich dann mit Sicherheit, dass ich Automatikerin werden möchte. Auch im Team habe ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt – es ist grossartig.

Was magst du an deinem Beruf besonders gerne?

Meine Arbeit ist unglaublich abwechslungsreich. Hier, am Hauptstandort in Kreuzlingen, verkabeln wir Schaltschränke. Diese übernehmen die Stromverteilung und das Zusammenfassen von Lasten bzw. Verbrauchern von Gebäuden jeder Grössenordnung. Teilweise schliessen wir die fertigen Schränke sogar draussen auf den Baustellen selbstständig an. Ich bin also nicht ausschliesslich in der Werkstatt anzutreffen. Dieser Tapetenwechsel und der Austausch mit den Mitarbeitenden im Büro oder auf der Baustelle gefallen mir am besten.

Haben dich deine Eltern oder dein Umfeld bei der Berufswahl beeinflusst?

Nein. Für meine Eltern war es wichtig, dass ich mich für einen Beruf entscheide, den ich gerne mache und bei dem ich meine Stärken gut einsetzen kann. Ich hatte keinerlei Druck, etwas Aussergewöhnliches zu studieren oder eine erfolgreiche Bankkarriere zu machen. Meine Eltern hatten nie Vorurteile gegenüber den von mir vorgeschlagenen Ausbildungen und sie haben diese auch nicht gewertet. Darüber war ich immer froh. Trotzdem haben sie mir dann doch noch die Lehre zur Fachfrau Gesundheit vorgeschlagen. Das muss wohl in ihrer Vergangenheit ein absoluter Klassiker gewesen sein. Vielleicht hatten meine Eltern aber auch einfach Bedenken, ob mich eine technische Lehre wirklich begeistert.

Gibt es Vorbilder in deinem Leben?

Zu meinen Geschwistern habe ich immer aufgeschaut. Für mich haben sie alle viel erreicht im Leben. Das hat mich persönlich wie beruflich immer angetrieben, etwas zu machen, auf das ich stolz sein kann.

Wirst du beruflich als Frau in eine Schublade gesteckt?

Gar nicht. Hier bei Elektro Arber zählen meine Leistung und mein Einsatz. Da ich beides täglich bringe, werde ich vom ganzen Team respektiert. Gegenseitiger Respekt gehört bei uns im Unternehmen sowieso zu den Grundwerten und die leben wir auch.

Gibt es Berufe, die du als typisch weiblich oder männlich wahrnimmst?

Ja und nein. Ich habe mich für viele Berufe interessiert, ganz gleich, ob diese als eher männlich oder weiblich wahrgenommen werden. Aber ich habe mich selbst dabei erwischt, wie ich zu mir gesagt habe: «Als Frau passe ich doch viel besser in einen Pflegeberuf als in einen technischen Beruf.» Glücklicherweise habe ich mich für genau den Beruf entschieden, der mir viel Spass macht und bei dem ich meine Stärken einsetzen kann.

Wie kann die Gesellschaft dazu beitragen, dass sich Frauen vermehrt für handwerkliche Berufe interessieren?

Mich erinnert diese Frage an ein spezielles Ereignis in der Oberstufe. Im Physikunterricht gab es eine getrennte Buben- und Mädchenklasse. Den Buben wurde Elektrotechnik vermittelt, die Mädchen büffelten «leichteren» Stoff. Als ich den Lehrer darauf angesprochen habe, meinte er, dass die Mädchen in Physik einen schlechteren Notendurschnitt haben, und er aus diesem Grund nicht den gleichen Stoff vermitteln kann. Das hat mich unheimlich gefuchst. Ich habe mich dabei als Frau klar benachteiligt gefühlt.

«Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frauen generell wenig Ahnung von Technik und Männer kein Gespür für Pflege haben».
Stefanie Keller, Automatikerin EFZ

Mathematische und technische Fähigkeiten werden in unserer Kultur mit Männlichkeit assoziiert. Hast du eine Vermutung, warum das so ist?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frauen generell wenig Ahnung von Technik und Männer kein Gespür für Pflege haben. Dass das so ist, wird uns Frauen und Männern einfach von klein auf mit auf den Weg gegeben. Ich glaube, das kommt ein Stück weit auch von früheren Rollenbildern und Klischees. Ich denke dabei an die Steinzeit; die Frauen sammelten frische Beeren und die Männer gingen auf die Jagd. So zumindest wurde es mir in meiner Jugend vermittelt. Unsere Gesellschaft sollte lernen, sich an den Stärken der Menschen, statt an Geschlechtern zu orientieren.

Die Burkhalter Gruppe bildet aktuell fast 700 Lernende aus, davon 20 Frauen. Hast du Vorschläge, was das Unternehmen bei der Rekrutierung von Lernenden verbessern könnte?

Als ich mich mit der Berufswahl auseinandersetzte, waren mir Unternehmen wie die Burkhalter Gruppe oder die Elektro Arber AG nicht bekannt. Meine Schwester hat mich auf die freien Lehrstellen im Betrieb aufmerksam gemacht. Es wäre sinnvoll, an den Schulen präsenter zu sein und die spannenden Berufe der Elektrotechnik besser zu verkaufen.

Wenn ich mich auf mein Beispiel aus dem Physikunterricht beziehe: Man sollte Frauen möglichst früh im Leben für Technik begeistern. Das kann Frauen motivieren, sich vermehrt für technische Berufe zu interessieren. Vielleicht fehlt es auch an Vorbildern. Ich glaube, wir haben aktuell 45 Geschäftsführer/innen. Déborah Sig ist die einzige Frau. Die Frauenquote liegt hier bei etwa zwei Prozent. Möglicherweise wäre ein Programm hinsichtlich Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein weiteres probates Mittel, um mehr Frauen für die Elektrotechnikbranche zu gewinnen. Ich denke da auch an familienfreundliche Arbeitsbedingungen. Diese können für Frauen, aber auch für Männer ausschlaggebend sein, um langfristig in einem Unternehmen zu arbeiten.

«Wählt nie den einfachsten Weg und getraut euch, geschlechtsuntypische Berufe kennenzulernen. So bleibt euch viel mehr Auswahl.»
Stefanie Keller, Automatikerin EFZ

Was möchtest du jungen Frauen in Sachen Berufswahl mit auf den Weg geben?

Orientiert euch an euren Stärken und lasst euch aufgrund eures Geschlechts nicht in einen Topf werfen. Die Arbeitswelt bietet unzählige Möglichkeiten. Wählt nie den einfachsten Weg und getraut euch, geschlechtsuntypische Berufe kennenzulernen. So bleibt euch viel mehr Auswahl. Auch in Sachen Lohn sollte man sich nicht zu fest blenden lassen. Geld zum Leben brauchen wir alle. Aber dafür einen vermeintlich lukrativen Beruf erlernen, der einen nicht interessiert, lohnt sich meines Erachtens nicht. So oder so ist die Schweiz in Sachen Weiterbildung Spitzenklasse. Mit einer abgeschlossenen Lehre habe ich unzählige Möglichkeiten, um mich in alle möglichen Richtungen weiterzubilden.

«Was zählt, ist der Mensch mit all seinen Stärken, nicht das Geschlecht.»
Stefanie Keller, Automatikerin EFZ

Möchtest du noch etwas anmerken?

Ich finde das Thema rund um Männer- und Frauenberufe mehr als überholt. Heutzutage sollten solche gesellschaftlichen Klischees gar nicht mehr existieren. Was zählt, ist der Mensch mit all seinen Stärken, nicht das Geschlecht.

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